Kerstin (Kerstin Scheuers Blog)


Patientin: Kerstin (Kerstin Scheuers Blog)
Erstdiagnose: Verdacht auf LESEN
Symptome: übermäßiger Konsum von Romanen aller Art, vorzugsweise Biografien, Krimi/Thriller, Fantasy, zeitgenössische Belletristik
Aktenvermerk: PATIENTIN DOKUMENTIERT SUCHTVERHALTEN

Coming-out: Ich habe LESEN

Gedächtnisprotokoll der Behandlung:

Minutenlang sitzen sich Kerstin und Lady Bookosa schweigend gegenüber. Schließlich hält es die Patientin nicht länger aus und ergreift das Wort:

Kerstin Scheuer - LESEN

Kerstin: Ich habe LESEN

Lady Bookosa nickt zufrieden.

1. Nun ist es raus, wie fühlst du dich?

Es fühlt sich befreiend an, es endlich einmal klar und deutlich ausgesprochen zu haben und zu seinem Suchtverhalten zu stehen.

2. Wann und wie hast du dich mit LESEN infiziert?

Durch meine Mutter, die ebenfalls, seit ich denken kann, LESEN hat, kam es bei mir schon sehr früh zum Erstkontakt. Bereits im Alter von etwa drei Jahren wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine Brille, weil ich der festen Überzeugung war, dann selbst lesen zu können. Schließlich trägt nicht nur meine Mutter Brille; auch meine Omas mussten immer erst ihre Brillen aufsetzen, bevor sie mir etwas vorlasen. Spätestens nachdem ich mit 9 Jahren mein erstes „richtiges“ Buch („Peterchens Mondfahrt“) alleine gelesen hatte und einen Büchereiausweis bekam, kam es zum vollständigen Ausbruch von LESEN.

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

In meinem persönlichen Umfeld gibt es mehrere Infizierte: neben meiner Mutter sind auch mein Schwiegervater und meine Schwägerin bereits seit Jahrzehnten erkrankt. Am meisten darunter zu leiden hat wohl mein Lebensgefährte, der immer wieder Sätze zu hören bekommt, die mit „Wenn ich dieses Kapitel zu Ende gelesen habe,…“ beginnen. Auch scheint er sich an den Buchstapeln zu stören, die überall unsere gesamte Wohnung zieren, denn er hat mir vor ein paar Monaten einen eReader gekauft, um das wahre Ausmaß meiner Erkrankung besser vor anderen verbergen zu können. Ich fürchte jedoch, dass er sich mittlerweile den mutierten HÖREN-Virus eingefangen hat, denn die Hörbuchsammlung auf seinem Smartphone umfasst mittlerweile mehr als 100 Titel.

4. Stehst du viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Im Internet tausche ich mich auf Twitter und Instagram intensiv mit anderen Infizierten aus. Daneben nutze ich Selbsthilfegruppen wie Lovelybooks und Goodreads. Mein Suchtverhalten dokumentiere ich zudem auf kerstin-scheuer.de, wo ich auch des Öfteren Reaktionen von anderen Betroffenen erhalte. Der Austausch mit anderen Infizierten tut mir gut. Unter ihnen fühle ich mich verstanden und akzeptiert. Deshalb werde ich im November auch einen weiteren wichtigen Schritt im Zusammenhang mit meinem Coming-Out machen und bei einer Veranstaltung meines örtlichen Buchdealers, anderen Infizierten eigene Lesetipps geben.

5. Warst du schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es dir dort gefallen?

Ohja! Da ich in der Nähe von Frankfurt wohne, habe ich dieses Infiziertentreffen schon mehrmals besucht. Auch dieses Jahr war ich wieder dort und habe intensive 3,5 Tage dort verbracht, für die ich mir sogar Urlaub nahm. (Auch diesen Besuch habe ich übrigens öffentlich dokumentiert.) Ich hatte eine gleichermaßen anstrengende wie aufregende und schöne Zeit, in der ich viele andere Infizierte in unterschiedlichen Krankheitsstadien sowie die ein und andere Virenschleuder getroffen habe, die mich auch auf neue Ideen für mein Suchttagebuch brachten. Die Buchmesse in Leipzig kenne ich leider noch nicht; würde das aber gerne bald nachholen.

Lady Bookosa unterbricht die Sitzung und wirft einen Blick in ihre Kristallkugel. Bei der Betrachtung der Zukunft kann sie sich ein Lächeln nicht verkneifen…

6. In deinem nächsten Leben wirst du in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

Am liebsten wäre mir einer von Charles Dickens, denn egal wie aussichtslos und finster das Leben und die Welt auch erscheinen mag, kann man da immer sicher sein, dass am Schluss irgendwie doch alles gut wird.

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

In einem solchen Fall braucht man meiner Meinung jemanden mit Erfahrung im galaktischen Hyperraum. Jemanden, der dieses Szenario während seines literarischen Schaffens bereits ernsthaft durchspielte. Eben einen echten Profi. Mir fällt da eigentlich nur einer ein: der Erfinder des Weltraumreiseführers „Per Anhalter durch die Galaxis“, der auch den wichtigsten Leitsatz eines jeden Weltraumabenteuers prägte: „Don´t panic!“. (Douglas Adams ist zwar leider vor einigen Jahren verstorben. Ich bin mir aber sicher, dass dies im Jahr 2163 kein allzu großes Hindernis mehr sein wird.)
Für den weiblichen Teil des Autorenpärchens sollte Paula McLain gewählt werden, die einfach wunderbare Biografien schreibt. Ich bin mir sicher, dass sie auch für dieses letzte große Abenteuer der Menschheit die passenden Worte finden würde, um es für nachfolgende Generationen oder Lebensformen zu dokumentieren.

8. Unglaublich, aber wahr, auch DU wirst evakuiert. Du hast in der Bevölkerungs-Tombola zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nimmst du mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

In meinem Leben gibt es viele großartige und wichtige Menschen, auf die ich nur schwer verzichten könnte. Wenn ich unter all diesen aber tatsächlich nur einen einzigen auswählen dürfte, dann wäre es mein Opa, der eine meiner wichtigsten männlichen Bezugspersonen ist. Ich mag die Ruhe und Besonnenheit, die er immer ausstrahlt. Bei so einem Weltraumtrip zum Mars könnte das sehr nützlich sein; schließlich gilt: „Don´t panic!“ (siehe oben).

Aber das ist Zukunftsmusik. Lady Bookosa verdeckt die Kristallkugel und blickt die Patientin ernst an.

9. Wie müsste – Stand heute – der Titel deiner Biografie lauten und welcher Schauspieler wäre die Idealbesetzung für die Verfilmung des Buchs?

Auch wenn es jetzt ein bisschen deprimiert klingen mag, würde ich meine Biografie nach heutigem Stand nach einem Song meiner Lieblingsband, der Beatles, „Nowhere Woman“ benennen. Ich mag den Text dieses Songs, auch wenn er sehr düster ist. Er passt auch insofern gut zu meiner Lebenseinstellung, als dass ich die Dinge gerne einfach auf mich zukommen lasse, ohne groß zu planen.
Eine Verfilmung meiner Biografie würde ich schlechtweg ablehnen. Die Leute sollen stattdessen lieber das Buch – oder überhaupt irgendetwas – lesen und ihre eigene Fantasie benutzen.

10. Die Welt weiß nun, dass du LESEN hast. Was sollte sie sonst noch über dich wissen?

Obwohl ich LESEN habe, führe ich ein relativ normales Leben: Ich arbeite in der öffentlichen Verwaltung, treibe Sport, singe in einem Chor und engagiere mich im Vorstand einer Partei. Am liebsten verbringe ich meine Freizeit aber mit meinen Katzen, einer Tasse Grüntee und einem Buch auf der Couch.

Lady Bookosa bedankt sich für das Gespräch und bittet die Patientin zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Als diese den Raum verlassen hat, schließt Lady Bookosa die Akte und donnert einen Stempel auf den Einband.

INFIZIERT – Heilung ausgeschlossen!

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