Marina (Nordbreze und so)


Patientin: Marina (Nordbreze und so)
Erstdiagnose: Verdacht auf LESEN
Symptome: übermäßiger Konsum von Romanen aller Art
Aktenvermerk: PATIENTIN DOKUMENTIERT SUCHTVERHALTEN

Coming-out: Ich habe LESEN

Gedächtnisprotokoll der Behandlung:

Minutenlang sitzen sich Marina und Lady Bookosa schweigend gegenüber. Schließlich hält es die Patientin nicht länger aus und ergreift das Wort:

Marina - ich habe LESEN

Marina: ich habe LESEN

Lady Bookosa nickt zufrieden.

1. Nun ist es raus, wie fühlst du dich?

Uff, ganz gut. Aber ich kann das noch gar nicht richtig einordnen. LESEN als Krankheit. Endlich kann ich das meiner Umwelt erklären. Wie befreiend!

2. Wann und wie hast du dich mit LESEN infiziert?

Es muss wohl schon in meiner Kindheit begonnen haben. Damals ging ich in der Stadtbibliothek ein und aus. Ich kann mich noch daran erinnern, dass die Kinderbuch-Abteilung im Erdgeschoss war und ich die Regale dort relativ schnell durch hatte. Irgendwann entdeckte ich dann mal den Keller – mit den restlichen Büchern. Eine dramatische Wendung in meinem Leben. Meine Patentante fragte häufiger ganz ungläubig, von wem ich dieses LESEN denn hätte, in meiner Familie wird eigentlich gar nicht viel gelesen. Heißt das, LESEN ist keine Erb-Krankheit? Ist das gut?

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

Mein Umfeld hat sich daran gewöhnt. Muss es auch. Schon seit langer Zeit begleiten mich Bücher nicht nur im privaten Bereich, sondern auch im beruflichen. Ich verdiene mein Geld quasi damit, andere Leute mit LESEN anzustecken. Und das macht ganz schön viel Spaß, muss ich sagen. Als größtes Opfer muss ich wohl Herrn Gatsby nennen. Der arme Mann muss mit ansehen, wie ich die Wohnung mit Büchern vollstopfe. Obwohl. Eigentlich macht er das ja auch. Wahrscheinlich stecken wir uns mit LESEN immer gegenseitig an. Ein gar furchtbarer Kreislauf.

4. Stehst du viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Ja, natürlich. Über Twitter und Facebook kann ich die Krankheitsgeschichte vieler Infizierter nachverfolgen und auch über meine eigenen Symptome sprechen. Und auch bei LovelyBooks dokumentiere ich, wann die Krankheit wieder einmal durchgebrochen ist.

5. Warst du schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es dir dort gefallen?

Dieses Jahr war ich sowohl in Frankfurt als auch in Leipzig. Ich habe ja den heimlichen Verdacht, dass die Buchmessen sowas wie Masern-Partys sind – Immunisierung gegen LESEN, aber wenn die Krankheit ausbricht, wird es umso schlimmer. Gefallen hat es mir natürlich sehr. Ich freue mich auch schon sehr auf nächstes Jahr. Da stehen wieder beide Buchmessen im Kalender. Dick unterstrichen mit Glitzerstift.

Lady Bookosa unterbricht die Sitzung und wirft einen Blick in ihre Kristallkugel. Bei der Betrachtung der Zukunft kann sie sich ein Lächeln nicht verkneifen…

6. In deinem nächsten Leben wirst du in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

„Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald. Einmal auf einer rauschenden Party mit Gatsby und Daisy das Tanzbein schwingen. Und dabei ein fesches Flapper-Kleid tragen – das wär was für mich!

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

Müssen sich die beiden Autoren fortpflanzen, um die Autorenschaft vom Aussterben zu bewahren? Schwierig. Ich wähle erstmal Thomas Glavinic, der kennt sich mit unbevölkerten Welten aus. Und Sybille Berg darf mit, um die Schönheit der amüsanten Zynik zu bewahren.

8. Unglaublich, aber wahr, auch DU wirst evakuiert. Du hast in der Bevölkerungs-Tombola zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nimmst du mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

Die Antwort auf die letzte Frage kann nur sein: Ich! Irgendwer muss ja auch aus dem Fenster gucken, oder? Und das ist noch nicht einmal egoistisch, denn da ich Herrn Gatsby mitnehme, ist das total nett von mir, weil er viel lieber am Gang sitzt. Bisher galt das zwar nur für den Zug, aber so eine Reise zum Mars unterscheidet sich ja nicht groß von einer ICE-Fahrt nach Hamburg.

Aber das ist Zukunftsmusik. Lady Bookosa verdeckt die Kristallkugel und blickt die Patientin ernst an.

9. Wie müsste – Stand heute – der Titel deiner Biografie lauten und welcher Schauspieler wäre die Idealbesetzung für die Verfilmung des Buchs?

Ich tät mal sagen „Brezenfreude“ klingt wie ein amüsantes Jugendbuch, an dem auch Erwachsene ihre helle Freude haben werden. Dabei decken Carey Mulligan (ich) und Matt Damon (Herr Gatsby) zusammen mit Herrn Dachs (Herr Dachs) eine fiese Verschwörung auf (Brezen sollen ab sofort mit L geschrieben werden. MIT L! BrezeL!!! Ekelhaft!) und führen gleichzeitig eine nervenaufreibende Inventur der Bücherregale durch. Oscar-verdächtig!

10. Die Welt weiß nun, dass du LESEN hast. Was sollte sie sonst noch über dich wissen?

Ich hoffe, dass die Welt jetzt nicht auf Abstand zu mir geht. Schließlich scheint LESEN eine hochansteckende Krankheit zu sein. Aber kommt ruhig näher, ich huste euch nicht ins Gesicht. Wir könnten stattdessen einfach Tee trinken. Oder ihr guckt euch meinen Blog an (ja, ich blogge wirklich!) und ich trinke Tee.

Lady Bookosa bedankt sich für das Gespräch und bittet die Patientin zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Als diese den Raum verlassen hat, schließt Lady Bookosa die Akte und donnert einen Stempel auf den Einband.

INFIZIERT – Heilung ausgeschlossen!

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