Shanty (fantastic-book-blog)


Patientin: Shanty Brown (fantastic-book-blog)
Erstdiagnose: Verdacht auf LESEN
Symptome: übermäßiger Konsum von Fantasy – und Jugenbuchromanen
Aktenvermerk: PATIENTIN DOKUMENTIERT SUCHTVERHALTEN

Die Patientin im Wartezimmer

…in der Erwartung eines 0-8-15 Patientenbogens setze ich mich hin und lasse den Blick über die Inneneinrichtung des Wartezimmers schweifen. Sehr schön, vor allem die angenehmen Farben…Halt! Da stehen Bücher auf dem Wandregal. Ist das ein Test der Lady, in welchem Stadium sich ihre Patienten befinden? Nicht. Den. Kopf.drehen. Du drehst jetzt nicht den Kopf, um die Titel zu lesen…Und du stehst jetzt auch nicht auf und streichelst die Buchrücken…Lenk dich ab. Es herrscht Stille im Raum. Die anderen Wartenden, von denen 99.9 % weiblich sind, haben sich ihren Fragebögen zugewandt. Hauptsache, sie LESEN irgendwas. Rechts von mir sitzt eine rundliche Frau mittleren Alters. Ich lege das Klemmbrett mit meinem Bogen auf meine Oberschenkel und strecke mich gespielt genüsslich, dabei recke ich mich soweit nach hinten, dass ich einen Blick auf ihren Bogen erhaschen kann. „Pummelfee“, schießt es mir durch den Kopf. Der Rand ihres Bogens ist übersäht mit kleinen skizzierten Feen und „I love Plötzlich Fee“ Schriftzügen. Ich unterdrücke nur mühsam ein XXL-Grinsen. Zu meiner linken sitzt eine junge Frau, die etwas unruhig auf ihren Stuhl herumrutscht. Ihre Nerdbrille fällt ihr in regelmäßigen Abständen bis auf die Nasenspitze. Vielleicht muss sie zur Toilette? Ihre rechte Hand liegt verkrampft auf ihren zusammengepressten Oberschenkeln, mit der linken hält sie das Klemmbrett fest. Ziemlich weiße Fingerknöchel, mi Dern. Ich zwinge meine Augen soweit nach links, wie es mir irgendwie möglich ist. Aaah ja. Frage 2. Ich lese die Worte Shades of grey und Bruchstücke einer Frage…önnen sie machen, dass …aufhört..nicht mehr schlafen…Dieses Mal kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich sehe auf die B-förmige Uhr, die an der gegenüberliegenden Wand hängt und beginne meinen Fragebogen auszufüllen…
Schön, dass es diese Klinik gibt.

Coming-Out: Ich habe LESEN

Gedächtnisprotokoll der Behandlung:

Minutenlang sitzen sich Shanty Brown und Lady Bookosa schweigend gegenüber. Schließlich hält es die Patientin nicht länger aus und ergreift das Wort:

Ich habe Lesen 008

Lady Bookosa nickt zufrieden.

1. Nun ist es raus, wie fühlst du dich?

(Ist das eine Fangfrage?) Ich fühle mich gut…Es ist irgendwie erleichternd sich völlig frei und in der Öffentlichkeit zu outen. Vor einigen Jahren, wusste ich nicht mal was genau ich habe. Das ist dank Ihnen nun anders…

2. Wann und wie hast du dich mit LESEN infiziert?

Ich glaube, dies geschah bereits im Mutterleib. In meinen Erinnungen an diese schöne Zeit taucht immer wieder eine Stimme auf, die mir Geschichten aus anderen Welten erzählte. Meine Mutter ist also Schuld. (Lady Bookosa blickt mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an und wartet darauf, dass ich fortfahre.) Also gut, ich habe LESEN, seitdem ich lesen kann. Jetzt ist es raus. Drastisch verschlimmert hat sich mein Zustand mit 9 Jahren, als ich den ersten Harry Potter Band bekam. Es gab Episoden in denen sich der Virus zurückzog und in einer etwas abgeflachteren Form weiterbestand. Jedoch waren diese nur von kurzer Dauer.

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

Mein persönliches Umfeld kennt mich nicht anders. Manchmal wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt. Worte wie „Endstadium“ und „LESERitis“ fallen, aber das ignoriere ich gerne. Wer am meisten darunter leidet? Es haben schon viele Menschen darunter gelitten. Ich kam schon oft zu spät, weil ich noch ein Buch auslesen musste. Ich habe Verabredungen oder Veranstaltungen abgesagt, weil ein neues Buch an dem Wochenende erschien. Shopping-Touren beginnen immer in einer Buchhandlung, nicht selten bleibt es dabei, weil ich mich festgelesen habe. Momentan leidet aber wohl am meisten mein Kater darunter. Beizeiten lese ich ihm dafür vor, was er zwar nur mit einem arroganten Blick zur Kenntnis nimmt, aber ich weiß, tief in seinem kleinen Katzeninneren, freut er sich ganz fürchterlich darüber.

4. Stehst du viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Selbsthilfegruppen? Zählen Amazon und Rebuy auch dazu?
Ich habe viel Kontakt zu anderen Infizierten. Unter uns können wir LESEN in all seinen Farcetten ausleben. In der Öffentlichkeit ist das manchmal gar nicht so einfach. Warum? Nicht-Infizierte haben oft kein Verständnis für Augenringe aus der vergangen Lesenacht. Sie wissen nicht wie es ist, den ganzen Tag an nichts anderes denken zu können, als an LESEN.
Sie wissen doch wovon ich spreche, sie sind schließlich auch krank. Frech? Ich bitte sie, das war reiner Tatsachenausspruch.
Ich weiß, das selbst ihr Stuhl auf dem sie sitzen, aus Büchern besteht. Auf ihrer Lehne ist noch das „are“ von Shakespeare zu sehen. (Schmunzeln auf beiden Seiten.)

5. Warst du schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es dir dort gefallen?

Letztes Jahr habe ich beide Buchmessen besucht. Es war…gigantisch. Umgeben von all den Büchern, in denen wundervolle Geschichte nur darauf warten geLESEN zu werden. Es gibt dort aber nicht nur Infizierte. Alle, die nicht mit glasigen Augen, zitternden Händen und mit „Oh, schau mal und das und das und ach du heiliges Buchregal!“- Monologen durch die Hallen streifen, haben sich verlaufen oder wollen etwas anderes. Kurz gesagt: Es war toll! (Die Lady hängt noch einige Minuten verträumt ihren eigenen Erinnerungen nach.)

Lady Bookosa unterbricht die Sitzung und wirft einen Blick in ihre Kristallkugel. Bei der Betrachtung der Zukunft kann sie sich ein Lächeln nicht verkneifen…

6. In deinem nächsten Leben wirst du in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

Puh, das ist schwer. In „Herr der Ringe“ könnte ich mit Gollum Rätseln…In „Schatten des Windes“ würde ich mich auf dem Friedhof der Bücher verschanzen…Es gäbe an dieser Stelle viele Bücher, die in Frage kämen, aber ich würde mich einfach mal überraschen lassen.

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

Sie dürfen nur den Anfang oder das Ende ihres Lieblingsbuches mit auf eine einsame Insel nehmen, für was würden sie sich entscheiden? Diese Frage ist beinah genau so schwierig zu beantworten. Aus einem spontanen Bauchgefühl heraus, fallen mir John Green und Maggie Stiefvater ein. (Lady Bookosa nickt und kritzelt etwas auf ihr Klemmbrett)

8. Unglaublich, aber wahr, auch DU wirst evakuiert. Du hast in der Bevölkerungs-Tombola zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nimmst du mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

Zum Mars wollte ich schon immer mal, da ist es sicher schön warm. Ich würde meinen Gefährten mit langem Haar mitnehmen, er würde wahrscheinlich am Fenster sitzen und gebannt rausgucken. Typisch Kater.

Aber das ist Zukunftsmusik. Lady Bookosa verdeckt die Kristallkugel und blickt die Patientin ernst an.

9. Wie müsste – Stand heute – der Titel deiner Biografie lauten und welcher Schauspieler wäre die Idealbesetzung für die Verfilmung des Buchs?

Der Titel meiner Biografie würde heute “ Sachen gibt’s“ lauten. Alternativ auch „Das Leben ist ein mieser Verräter, aber ich mag es trotzdem“ oder “ Einfach eben“. Die Idealbesetzung wäre ein Mix aus Zoe Saldana und Jack Nicholson.

10. Die Welt weiß nun, dass du LESEN hast. Was sollte sie sonst noch über dich wissen?

Damit wäre das wesentliche eigentlich gesagt…LEST mehr Bücher! 😉
Vielen dank für diese erste sehr hilfreiche Behandlung, Lady Bookosa. Ich soll ihnen außerdem liebe Grüße von ihrem charmanten Praktikanten bestellen.

Lady Bookosa bedankt sich für das Gespräch und bittet die Patientin zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Als Shanty Brown den Raum verlassen hat, schließt Lady Bookosa die Akte und donnert einen Stempel auf den Einband.

INFIZIERT – Heilung ausgeschlossen!