Silvia (leckerekekse)


Patientin: Silvia (leckerekekse)
Erstdiagnose: Verdacht auf LESEN
Symptome: übermäßiger Konsum von Romanen aller Art, vorzugsweise Gegenwartsliteratur
Aktenvermerk: PATIENTIN DOKUMENTIERT SUCHTVERHALTEN

Coming-out: Ich habe LESEN

Gedächtnisprotokoll der Behandlung:

Minutenlang sitzen sich Silvia und Lady Bookosa schweigend gegenüber. Schließlich hält es die Patientin nicht länger aus und ergreift das Wort:

Silvia - ichhabeLESEN

Silvia: Ich habe LESEN

Lady Bookosa nickt zufrieden.

1. Nun ist es raus, wie fühlst du dich?

Erleichtert, dass es für diese Erkrankung wirklich eine Diagnose gibt. Ängstlich, weil ich nicht genau weiß, was jetzt kommt.

2. Wann und wie hast du dich mit LESEN infiziert?

Schon mit sechs Jahren fing ich an zu lesen. Es ist vererbt. Meine Mutter leidet auch darunter. Jede Woche ging es in die Bücherei, ein dicker Stapel Bücher wurde ausgeliehen und gelesen. Eigene Bücher wurden gesammelt. Die Bücher meiner Schwester habe ich gelesen, die von Freundinnen ausgeliehen. Ich konnte nicht aufhören.

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

Ich habe mir zur Eheschließung einen Infizierten gesucht. So muss ich keine Angst haben ihn noch anzustecken. Unsere Kinder zeigten nur kurzzeitig ähnliche Symptome. Sie scheinen geheilt. Ich fühle mich Ihnen deshalb manchmal etwas fremd. Meine Freunde leiden auch oft am gleichen Krankheitsbild, so wird mir mit dem größten Verständnis gegenüber getreten. Mit ist nicht bekannt, dass jemand darunter leidet. Wir Infizierten bleiben ja gerne unter uns.

4. Stehst du viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Ja. Mein Umfeld ist, wie gesagt, oft selbst infiziert und ich gehöre zwei Selbsthilfegruppen an. Wir treffen uns jeweils ca. alle sechs Wochen und sprechen über die Symptome und mit welchen Büchern man dagegen angehen kann. Geholfen hat es bisher nicht, ganz im Gegenteil. Aber es tut gut, darüber zu reden.

5. Warst du schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es dir dort gefallen?

Ja. Zweimal Leipzig, zweimal Frankfurt. Danach hatte ich wieder starke Leseschübe. Ich bin aber offen damit umgegangen und habe diese Erlebnisse schriftlich umgesetzt. Trotzdem will ich immer weiter lesen. Und jetzt auch noch darüber schreiben. Und darüber reden. Nächstes Jahr kann ich zu beiden Infiziertentreffen aus familiären Gründen nicht fahren. Wie soll ich das nur aushalten? Ich glaube, ich muss ein passendes Buch suchen.

Lady Bookosa unterbricht die Sitzung und wirft einen Blick in ihre Kristallkugel. Bei der Betrachtung der Zukunft kann sie sich ein Lächeln nicht verkneifen…

6. In deinem nächsten Leben wirst du in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

Am liebsten ein Buch, das in Deutschland spielt, in der Gegenwart. Wenn ich für immer in dem Buch bleiben müsste, dann wäre gerne ich einem Buch, das von Büchern handelt. Und ich hätte gerne eine lesende Rolle, vielleicht als Bibliothekarin in einer gut bestückten Bücherei. Ich möchte gerne in einem Buch leben, das ich noch nicht kenne, um mich nicht zu langweilen.

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

Leider wird keiner meiner Lieblingsautoren bis dahin leben ;))

8. Unglaublich, aber wahr, auch DU wirst evakuiert. Du hast in der Bevölkerungs-Tombola zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nimmst du mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

Natürlich kommt Astrid, meine Blogpartnerin, mit. Das gibt tolle Beiträge! Astrid darf am Fenster sitzen, ich brauche keine Aussicht, nur einen vollen eBook-Reader. Zwischendurch können wir über die gelesenen Bücher reden und Beiträge dazu schreiben. Ich hätte nach dem Flug meinen SUB reduziert. Wann geht es los?

Aber das ist Zukunftsmusik. Lady Bookosa verdeckt die Kristallkugel und blickt die Patientin ernst an.

9. Wie müsste – Stand heute – der Titel deiner Biografie lauten und welcher Schauspieler wäre die Idealbesetzung für die Verfilmung des Buchs?

„Buchlieberin, unter ihrem SUB begraben“ wäre der Buchtitel. Die Besetzung ist egal, weil ich in jeder Einstellung ein Buch vor der Nase hätte. Ich würde mich gerne selbst spielen, wenn ich dabei lesen kann.

10. Die Welt weiß nun, dass du LESEN hast. Was sollte sie sonst noch über dich wissen?

Falls ich doch mal nicht lese, verbringe ich Zeit mit meiner Familie und Freunden, blogge, gehe gerne ins Kino, Theater und Klavierkonzerte. Ach, und arbeiten muss ich auch noch. Wenn mich jemand als professionellen Leser bezahlen möchte: meine Mail-Adresse steht im Impressum.
Ich stehe jetzt zu meiner Erkrankung und lehne jede weitere Behandlung ab. Für weitere Buchtipps bin ich immer dankbar!

Lady Bookosa bedankt sich für das Gespräch und bittet die Patientin zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Als diese den Raum verlassen hat, schließt Lady Bookosa die Akte und donnert einen Stempel auf den Einband.

INFIZIERT – Heilung ausgeschlossen!

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