Tanja (Reading Parrot)


Patientin: Tanja (Reading Parrot – Read. Review. Repeat.)
Erstdiagnose: Verdacht auf LESEN
Symptome: übermäßiger Konsum von Romanen aller Art, vorzugsweise NA Romance
Aktenvermerk: PATIENTIN DOKUMENTIERT SUCHTVERHALTEN

Coming-out: Ich habe LESEN

Gedächtnisprotokoll der Behandlung:

Minutenlang sitzen sich Tanja und Lady Bookosa schweigend gegenüber. Schließlich hält es die Patientin nicht länger aus und ergreift das Wort:

Tanja - Reading Parrot - LESEN

Tanja: ich habe LESEN

Lady Bookosa nickt zufrieden.

1. Nun ist es raus, wie fühlst du dich?

Müde. Weil ich letzte Nacht zu wenig geschlafen habe.
Ansonsten fühle ich mich recht entspannt und stehe meinem Outing eher gleichgültig gegenüber, denn ich bin schon immer sehr offen damit umgegangen, von diesem Virus ergriffen worden zu sein.

2. Wann und wie hast du dich mit LESEN infiziert?

Mehr-Generationen-Haushalt: Als ich gaaaaaanz klein war, sass mein Urgrossvater ständig mit der Tageszeitung vor seinem Gesicht in seinem Ohrensessel in unserer Stube und wenn man von ihm etwas vernahm, war es entweder das Rascheln der Seiten oder ein zustimmendes Brummen bzw. ein kritisches Knurren. Hinter diesen Buchstaben musste sich doch etwas Spannendes verbergen!?
Bekam mein Grossvater die Zeitung in die Hand, setzte er sich damit an den Tisch und strich sich während des stillen Lesens ständig mit zwei Fingern über die Schläfe. Wenn man die Buchstaben in Berichtetes verwandeln konnte: Da mussten doch unglaubliche Dinge im Kopf passieren!?
Meine Uroma nahm mich, während sie las, gerne auf den Schoss: Ich liebte diese Kuschelzeit und war ganz fasziniert, dass sie, tippte ich wahllos auf irgendeine Ansammlung von Buchstaben, um „Was heisst das?“ oder „Was ist das für ein Wort?“ oder „Was steht da?“ zu fragen, nur kurz auf das Gezeigte blickte, mir antwortete, und dann zu ihrem eigentlich just Gelesenen zurückkehrte. Mir war es unerklärlich, wie es möglich war, etwas zu lesen und nebenher noch völlig mühelos Anderes entziffern zu können: Da musste doch ein Zauber dahinterstecken, den ich auch beherrschen wollte!

Mutmasslich habe ich mich auch bei meiner Mama angesteckt, die ebenfalls sehr gerne liest. Unwahrscheinlicher, aber nicht unmöglich, scheint es zu sein, dass mein Vater mich mit dem Lesen-Virus infiziert hat: der ist nämlich alles Andere als eine Leseratte, allerdings ein leidenschaftlicher Fan und Sammler der Lustigen Taschenbücher.
Jene fand ich doch auch immer sehr spannend: Bücher, die eine Geschichte in Bildern erzählten, die ich mir selbst zusammenreimen konnte, um später herauszufinden, dass sie eigentlich eine ganz andere Geschichte erzählten! Ein Doppelzauber???

Ich wollte nicht immer fragen müssen, was etwas heisst; ich wollte nicht immer jemanden suchen müssen, der mir das beantworten könnte: Ich wollte diesen Zauber selbst beherrschen!
Welch Enttäuschung, dass man am Ende des ersten Schultags („In der Schule lernt ihr so richtig lesen und schreiben…!“) noch gar nicht richtig lesen konnte! Ich hatte auf einen Zaubertrank gehofft, den man zu sich nahm und schwupps, war das Wissen um den Lesezauber komplett da. Pustekuchen.
Welch Freude, als man das Lesen endlich in all seiner Gänze beherrschte und allen seine neue Gabe präsentieren musste: Ich las alles, und ich las es allen vor! Meine Familie musste sich sogar die Börsenkurse von mir vorlesen lassen, nicht, dass irgendwen von ihnen diese interessiert hätten und ich fand diesen Teil der Nachrichten auch total blöd, weil bäh, so viele Zahlen und so wenig Buchstaben, aber wo ich doch nun lesen konnte, musste ich das ausnutzen!

Eigentlich ist es angesichts meines damaligen familiären Umfelds gar nicht verwunderlich, dass ich mich infiziert habe. Da ist es eher fragwürdig, dass sich mein Bruder nicht angesteckt hat und okay, oh, damit ist doch klar, dass es vornehmlich an den Urgrosseltern gelegen haben dürfte, denn jene hat mein Bruder nicht mehr sooooo bewusst erleben können.

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

„Leiden“?
Eine Krankheit, die mich befallen hat und die sich negativ auf die Menschen, die mir am Liebsten sind, auswirken würde, würde ich mit allen Mitteln bekämpfen. Wenn jemand von ihnen unter meiner Erkrankung leidet, muss die Krankheit gehen.
Meine persönliche Liebe schlägt meine literarische Liebe.

Aber mein Umfeld geht ohnehin sehr lässig mit meiner Lesen-Krankheit um und da wird sich höchstens mal beschwert, dass man mir nie ‚mal einfach so‘ ein Buch schenken könne, da es allzu wahrscheinlich sei, dass ich das längst kennen würde.
Würde ich weniger lesen, führte das wahrscheinlich nur dazu, dass ich meinen Mann mit meiner dann überschüssigen Zeit nerven würde: Dann wäre er wahrscheinlich tatsächlich leidend. Aber so denke ich, dass wir recht froh über die Hobbies Krankheiten des jeweils Anderen sind, da sie es zulassen, dass jeder seine Viren ausgiebigst pflegt.

4. Stehst du viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Selbsthilfegruppen? Selbsthilfegruppen?! Ich will doch gar keine Hilfe!

Büchergruppen auf Facebook sehe ich nicht als Selbsthilfegruppen an, das sind vielmehr Sekten. Ja, in solchen bin ich involviert und zudem bin ich als Gastgeber in verschiedenen Promogruppen, wie z.B. bei den „Book Nook Nuts“, registriert, wobei dies auch eher der weiteren Virusverbreitung dient.
Aktionen wie der „Top Ten Thursday“ sorgen für sehr viele Interaktionen und Kontakte zu anderen Infizierten; diesen Thementagen haftet immer ein Hauch von Epidermie an.

Ich stecke Andere sehr gerne mit epidemischer Lese-Euphorie an, was vermutlich auch der Grund ist, aus dem ich mich zur Organisation des #Lesadvent entschlossen habe. (Ausserdem bin ich neben Lesen weiterhin an Gewinnspielmitmachmanie erkrankt und wollte selbst auch mal etwas verlosen.)
Und gaaaaaaanz vielleicht freue ich mich in diesem Jahr auch ganz besonders auf unser Sippschaftsweihnachtstreffen, da mein Mann, in dem der Virus zumindest auch döst, und ich uns auf dem Letztjährigen so gut mit meinem Cousin und dessen Frau über die Schreib- und Lesewelt unterhalten habe. Da hoffe ich auf Fortsetzung!

5. Warst du schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es dir dort gefallen?

Nein, auf einem solchen Treffen war ich noch nie.
Auf den letzten von mir besuchten Messen war ich als Mitarbeiterin anwesend, schön in Nähe einer zum „Backstagebereich“ führenden Tür oder zumindest eines Fensters, durch das ich leicht hätte flüchten können, wäre mir der Trubel zu viel geworden.

Ich bin kein Fan von Menschenmassen und so viel Hektik, ich brauche zumindest immer ein kleines Rückzugseckchen, um all diese vielfältigen, auf mich einprasselnden Eindrücke kurz in aller Ruhe sacken lassen zu können.

Ich bin zwar immer wieder versucht, die Teilnahme an einem solchen Infiziertentreffen doch zu riskieren, aber meine Angst vor eventueller Panik ist dann doch immer zu gross. Und ich bin zu geizig, um optimistisch Tickets und Reise zu buchen, um dann in letzter Minute doch kostenpflichtig stornieren zu müssen.

Lady Bookosa unterbricht die Sitzung und wirft einen Blick in ihre Kristallkugel. Bei der Betrachtung der Zukunft kann sie sich ein Lächeln nicht verkneifen…

6. In deinem nächsten Leben wirst du in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

„Die Vampire“ von Kim Newman.
Zum Einen, weil es meiner Meinung nach keinen besseren aus dieser unseren Gegenwart stammenden Vampirroman gibt und zum Anderen denke ich praktisch: Wenn ich in einem Roman wiedergeboren werde, soll sich das auch lohnen und „Die Vampire“ zieht sich durch mehrere Jahrhunderte.

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

Puuuuuh… Bis eben dachte ich, dass wir alle, die wir heute noch hier leben, im Jahr 2163 nicht mehr auch nur ein Staubkörnchen wären, aber wir leben da also alle noch?!

Da das Arche-Noah-Prinzip bedeutet, dass eh aus allen Branchen Profis evakuiert werden und somit auch sichergestellt sein sollte, dass der Aufbau der neuen Welt nicht in den Händen totaler Amateure liegt, ist es also auch nicht nötig, dass ich aus dem Bereich der Überlebensratgeber Autoren herauspicke, gell?
Dann entscheide ich mich für Stephen King, der die Überlebenden schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen bringen könnte, sollten sie vor Verzweiflung hysterisch werden, indem er ihnen einfach nur erzählt, was noch alles viel schlimmer sein könnte, so dass der Neuaufbau hernach wie ein Kinderspiel wirkt. Ausserdem hat er schon sooooooo viel geschrieben, dass ich davon ausgehe, dass in seinem Kopf noch viele weitere Geschichten stecken.
Weiterhin schicke ich Elle Casey auf welchen Planeten auch immer dann evakuiert wird, damit auch ein Autor „fürs Herz“ vertreten ist (zudem schreibt sie auch Fantasy und so sind insgesamt gleich mehrere Genres abgedeckt) und hier gilt dasselbe wie bei King: Elle Casey ist in der Lage, eine Geschichte nach der Anderen herauszuhauen, so dass die Beiden gemeinsam nach fünf Jahren eine Bibliothek gefüllt haben sollten, die bereits einen Anbau bräuchte.

8. Unglaublich, aber wahr, auch DU wirst evakuiert. Du hast in der Bevölkerungs-Tombola zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nimmst du mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

Nein, ich kann niemanden im in Schutt und Asche liegenden Untergangsszenario hinter mir lassen; meine persönliche Liebe schlägt nicht nur meine literarische Liebe, sie schlägt alles.

Aber okay, verf*** Sch***, kleiner Bruder: Ich liebe dich und es gibt kaum etwas, das ich nicht für dich tun würde. Zerbricht jemand dich, zerbreche ich ihn. Du würdest zerbrechen, geschähe deinen Kindern etwas.
Also simple Antwort: Mats und Lea.

Ich würde beide Tickets an die Kinder meines Bruders weiterreichen.

Aber das ist Zukunftsmusik. Lady Bookosa verdeckt die Kristallkugel und blickt die Patientin ernst an.

9. Wie müsste – Stand heute – der Titel deiner Biografie lauten und welcher Schauspieler wäre die Idealbesetzung für die Verfilmung des Buchs?

„Unheilbar“.
Ich würde gerne von Sandra Bullock gespielt werden und hm, ach, kann mein Papa bitte von meinem Papa gemimt werden? Der ist ein echtes Original, den kann man nicht austauschen.

10. Die Welt weiß nun, dass du LESEN hast. Was sollte sie sonst noch über dich wissen?

42.

Lady Bookosa bedankt sich für das Gespräch und bittet die Patientin zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Als diese den Raum verlassen hat, schließt Lady Bookosa die Akte und donnert einen Stempel auf den Einband.

INFIZIERT – Heilung ausgeschlossen!

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